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23.09.2006

Jim Sheppard, Bassist von Nevermore

 

Am Abend des 20.09.2006 sollte es in der Großen Freiheit 36 endlich losgehen. Schon zwei Mal wurde das heißbegehrte Konzert von Disturbed und Nevermore zeitlich und örtlich verschoben und auch diesmal hing der Gig am seidenen Faden, da Sänger Warrel Dane am Tage der DVD-Recording-Show in Bochum schwer erkrankte und diese absagen musste.
Ich platze mitten in den Soundcheck von Nevermore rein, in der freudigen Erwartung auf das mir bevorstehende Interview mit Nevermore-Bassist Jim Sheppard.

Bonemetal: Es freut mich zu sehen, dass Warrel gesund genug zu sein scheint, um heute Abend zu singen.

Jim Sheppard: Ja, es war eine Infektion in seinen Lungen.

BM: Er musste sogar deswegen im Krankenhaus bleiben, oder? Für wie lange eigentlich?

Jim: Für zwei Tage. Es passierte im Flugzeug, seine Lungen schmerzten beim fliegen. Er passte schon auf, aber gerade an dem Tag, an dem wir unsere DVD aufnehmen wollten, ging es nicht mehr. Er konnte sich nicht mehr richtig bewegen und es fiel ihm schwer aufzustehen. Wir sahen also keine Möglichkeit außer diese Show abzusagen.

BM: Wie sieht es denn jetzt mit der DVD aus?

Jim: Wir werden sie noch während der Tour aufnehmen. Eigentlich war es ja geplant, diese am 12. September aufzunehmen, aber wir machen das jetzt am 11. Oktober. Am 10. spielen wir in London (10.10.2006 London Astoria United Kingdom, Anm. d. Verf.) und werden gleich danach zurück nach Deutschland (DVD-Recording-Show am 11.10.2006 Bochum Zeche, Germany, Anm. d. Verf.) kommen, um die DVD am 11. aufzunehmen.

BM: Warum habt ihr euch gerade Bochum ausgesucht?

Jim: Wir wollten es unbedingt in Deutschland machen, denn hier ist schließlich unser stärkster Markt. Unsere Plattenfirma wollte unbedingt im Management involviert sein und um ein bisschen Geld sparen zu können, haben wir uns für eine Location in der Nähe der Firma entschieden, dann muss nicht so viel Geld für Flüge und so ausgegeben werden.

BM: Aber ihr hättet doch auch jetzt Hamburg nehmen können.

Jim: Wir sind hier ja auch nur eine kleine Support-Band. (lacht) Wäre hier eine unserer Headline-Shows gewesen, hätten wir auch hier aufnehmen können.

BM: Ich habe es schon von einigen Bands gehört, dass das Hamburger Publikum nicht wirklich bei Gigs abgeht. Wie ist deine Meinung dazu?

Jim: Ach, ich spiel hier sehr gerne. Die Leute hier passen mehr auf und hören richtig zu. Sie jubeln mehr im Nachhinein. Im Gegensatz dazu ist Berlin ein harter Markt. Meistens stehen die Leute da und schauen zu. Ich weiß auch nicht warum, aber wenn du andere Locations kennst, merkt man dass diese völlig anders sind.
Aber es kommt auch auf darauf an: Wenn die Energie und das Zujubeln und so gut ist, nimmst du die Energie nur. Aber wenn die Leute abgehen bist du wie eine Puppe und die Energie der anderen vor der Bühne geht geradewegs auf dich über. Es ist dann sehr schwer ruhig stehen zu bleiben.
Und dann stell dir vor, du stehst in Berlin und die Leute stehen da und gucken dich an, dann ist das natürlich schwer sie mitzuziehen.

BM: Aber eure Songs sind ja nicht nur voller Energie für so etwas, sondern sie sind auch teilweise sehr depressiv.

Jim: Ja, Musik hat für mich viele geographische Einflüsse. So haben wir in Seattle diese Art von Sound und ich San Francisco mehr Thrash-Einflüsse. In Florida ist mehr Death-Metal und in Skandinavien mehr Black-Metal. Und gerade diese Black-Metal-Atmosphäre ist sehr düster und depressiv. Es ist da sehr wolkig und die Tage sind dort nicht so lang und das kann dir auf die Psyche schlagen. Wir sind jetzt keine depressiven Menschen, aber wir mögen eben diese dunkle Atmosphäre.

BM: Wie ist denn der skandinavische Markt für euch?

Jim: Recht gut. Wir verkaufen nicht nur in einem Land viele CDs. Bei uns ist das nicht so, dass wir sehr viele CDs in einem Land verkaufen, sondern eher wenige CDs dafür in jedem Land verkaufen, das macht einen großen Unterschied. Es ist leichter so länger am Ball zu bleiben.

BM: Durch eure ganze Biographie scheint es euch sehr wichtig zu sein, viele verschiedenen Stile und ein hohes technisches Niveau in eure Songs einzubauen. Glaubst Du, dass ihr das während der letzten Veröffentlichungen auch geschafft habt? Immerhin klingt kein Album wie das andere.

Jim: Darüber denken wir nicht wirklich nach, wir haben keine vorgefassten Ideen wie die Platte klingen soll oder wie wir die Songs schreiben sollen. Wir wollen uns weiterentwickeln. Es hängt auch von der Stimmung ab, die wir in der Schreibephase des Albums haben. Das jedes Albums anders klingt hängt natürlich auch vom Produzenten ab und auch davon, dass es uns immer wichtiger wird, mehr mit unsere Musik zu erreichen und höhere technische Levels zu erreichen.
Außerdem werden wir von den Bands mit denen wir touren auch hinsichtlich unseres Stiles beeinflusst. Wir tourten mit Death, Blind Guardian und Dimmu Borgir und wenn man auf Tour ist, hört man die ganze Zeit auch deren Musik, das beeinflusst unseren Stil schon sehr.

BM: Stell dir vor, du wärst anstelle eines Musikers ein Profi-Fußballspieler. Auf welcher Position würdest du spielen und warum?

Jim: Da muss ich passen, ich kenne mich mit Fußball nicht so aus. Lass uns diese Frage auf die NFL (National Football League, Anm. d. Verf.) übertragen.

BM: Ok, da kenne ich mich nur mittelmäßig aus, aber gut. (beide lachen) Welche Position würdest du da spielen wollen?

Jim: Ich denke, ich würde der Quarterback (Der Quarterback ist der Spielgestalter und Kopf der Offensive, Anm. d. Verf.) sein wollen. Sie arbeiten zwar sehr hart, werden jedoch für ihre Arbeit anerkannt und darüber hinaus sehr gut bezahlt. Sie machen zwar nicht so häufig Touchdowns (Die Art sechs Punkte auf einmal zu machen, indem man den Ball in die Endzone des Gegners bringt, Anm. d. Verf.), aber wenn, dann richtig und die Freude ist dann groß. Ich liebe es ohne Worte zu kommunizieren und Sport ein perfektes Beispiel dafür. In der Musik könnte man das ähnlich sehen. Ich bekomme den Ball vom Running Back und laufe dann los. Der Quarterback ist der wichtigste Mann auf dem Platz, er ist der Kapitän und kontrolliert das Team. Naja, nun bin ich der Bassist und nicht der Sänger, also möchte ich jemand sein, der die Touchdowns macht aber nicht der Anführer ist. (beide lachen)

BM: Wieso habt ihr eigentlich noch nie eine DVD aufgenommen?

Jim: Das größte Problem ist das Budget. Ich hab so viele Bands gesehen, die DVDs rausgebracht haben, die zeigen wie sie durch die Gegend laufen und sich selbst aufnehmen. Das ist nicht die Art von Qualität, die ich haben möchte. Natürlich haben wir auch viele solcher Sachen aber, wir möchten auch, dass die DVD vernünftig aufgenommen wird und das kostet eben viel Geld. Wir wollen eine Recording-Live-Show spielen und dafür braucht man ein gutes Filmteam – wir werden sieben Kameras haben. Außerdem drehen wir noch nebenbei eine Dokumentation wofür ein extra Team haben, die uns bei „This Godless Endeavor“ begleitet haben.

BM: Wie wichtig ist es für dich mit deiner Musik Geld zu verdienen?

Jim: Es ist ziemlich wichtig für mich. Denn was auch immer du im Leben tust, musst du immer dafür sorgen, dass du Geld verdienst. Ich wollte jedoch niemals stinkend reich sein. Freunde von mir wie Alice in Chains zum Beispiel waren mal richtig angesagt und verdienten sehr viel Geld, aber wo sind sie denn heute? Ich finde es bessere eine moderate Menge Geld zu verdienen und weiter so zu leben wie bisher. Man muss doch nicht gierig sein und man behält so eine bessere Perspektive zum Leben. Es gibt so viele junge Bands, die auf einmal sehr viel Geld verdienen und einfach nicht wissen, wie man damit umgeht. Viele nun völlig am Ende oder haben sich sogar umgebracht. Mit der Erfahrung lernt man das Geld, das man verdient hat, mehr zu respektieren.

BM: Also machst du keine Musik nur um Geld zu verdienen?

Jim: Nein, nein. Anfangs hatten wir eine Zeit bei Nevermore in der wir neben der Musik arbeiten gegangen sind. Heute ist es glücklicherweise so, dass wir mit der Musik, die wir spielen gerade so über die Runden kommen. Ich hoffe, wir können das noch so lange machen, das wir sogar noch mit 80 auf der Bühne stehen können. (beide blödeln rum)

BM: Ich weiß, dass du diese Frage schon sehr oft gehört hast, aber wieso, glaubst du, ist „Heartcollector“ so ein beliebter Song bei den Fans?

Jim: Keine Ahnung, vielleicht verbreitet dieser Sing eine besonders romantische Stimmung, die Jeff (Jeff Loomis, Leadgitarrist, Anm. d. Verf.) hatte, als er den Song geschrieben hat. Aber es ist auch einer meiner Lieblingssongs, weil er so schnell und leicht geschrieben war. Der Text ist über Frauen, die Warrel das Herz stahlen. Er hatte recht viele mysteriöse Freundinnen in seinem Leben gehabt, sie kamen und gingen (lacht) und hoffte, dass der „Heartcollector“ seine Worte hören würde...

BM: Nun die letzte Frage: Viele Bands wollen mit ihrer Musik unterhalten. Wie würdest du den Stil von Nevermore beschreiben? Vielleicht als eine Art Kunst?

Jim: Das ist eine gute Frage, ich denke, dass es definitiv eine Form von Kunst ist. Sicherlich ist Unterhaltung auch ein Teil, den ich auch sehr genieße und mich darüber freue das Publikum zu sehen, wie es die beste Zeit ihres Lebens verbringt. Meine Lebens-philosophie ist es möglichst ohne Worte zu kommunizieren um den Planeten zu einem besseren Ort zu machen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Film „The Close Encounter of the Third Kind“ (Deutscher Titel: „Die unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977), Anm. D. Verf.), in dem die Außerirdischen in ihrem Raumschiff landen und dieses über Musik kommuniziert, dass eröffnete mir schon früh den Weg, ohne Worte andere zu erreichen. Unterhaltung sehe ich da nur als Bonus.

BM: Jetzt hast du noch die Möglichkeit den Lesern von BONEMETAL zu sagen, warum sie eure DVD kaufen sollten.

Jim: Ihr solltet die DVD kaufen, weil sie voller „fun stuff“ ist und wir da eine menge Arbeit und Zeit für investiert haben. Und wenn ihr ein Nevermore-Fan seid, dann muss man diese unbedingt haben (es ist ein „must-have“, d.Verf.), wenn nicht, dann wird man trotzdem viele unterhaltsame Sachen und eine sehr interessante Dokumentation darauf finden, die Nevermore zeigt, wie sie wirklich sind.

BM: Ja, dann vielen Dank für dieses Interview und ich wünsche dir und dem Rest von Nevermore heute Abend viel Spaß, eine tolle Show und ich hoffe, dass der Sound heute Abend etwas besser ist.

Jim: Ja, wir haben einen neuen Toningenieur, aber er ist sehr gut. Wir hatten vorhin ein paar Probleme mit dem Sound besonders mit dem der Gitarren, aber das wird sich bis heute Abend geben.
Vielen Dank für deine Zeit.

 
Interview von  Stefan
 
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